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Wie alles begann – in Deutschland

Die aus einer der bedeutendsten Hamburger Kaufmannsfamilien stammende Lisa Jaffé veröffentlichte als eine der ersten Frauen Deutschlands mehrere Aufsätze über die neue Pädagogik aus dem Ausland. Sie konstatierte über das "Ziel des Montessorisystems", ausgehend vom vorherrschenden Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte.
"Das Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte war auf der Basis der Erbsünde aufgebaut, und das Problem hieß, aus einem kleinen von Natur aus mit bösen Instinkten behafteten Wesen so etwas ähnliches wie einen gehorsamen und nützlichen Bürger zu gestalten. Das Ideal war als eine vorhandene Form gedacht, aus der ein Geschöpf hervorgehen sollte, das so viel wie möglich einem vorhandenen Modell entspräche.
Heutzutage aber vermindert sich von Jahr zu Jahr die Zahl derer, die an eine Erbsünde glauben, und die alten Zwangsmaßregeln der Erziehung fordern allseitige Kritik heraus. Es wächst der Glaube ans Leben und an die Fähigkeiten in der Natur des Menschen, an die wir heute als größte Forderung 'Selbstverwirklichung' stellen, ohne sie können wir uns kein vollkommenes Leben mehr denken, ihre einzige Schranke ist die Achtung vor der Freiheit unserer Mitmenschen. - Zu dieser Entwicklung bedarf das wachsende Menschenkind der 'Freiheit' und der 'Ermutigung', damit die in ihm schlummernden schönen, natürlichen, schaffenden Impulse des Guten gefördert und ausgebildet werden können. Dem Kinde muss von den allerfrühesten Jahren an Gelegenheit zur Selbst-Entwicklung geboten werden, zur Vertiefung seiner Individualität und Initiative. Das ist das Ziel des Montessorisystems" (Jaffé 1914, S. 15).
Obwohl Jaffés Aussagen bereits mehr als hundert Jahre zurück liegen, sind sie noch immer zeitgemäß. Das staatliche Schulsystem in Deutschland wartet vergeblich auf eine Überarbeitung oder gar eine Revolution im Sinne der Aktualisierung und Verjüngung.

Federführend für die deutsche Montessori-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Frauen wie Irene Dietrich, Elsa Ochs, Hilde Hecker und Clara Grunwald. Letztere war eine Berliner Lehrerin und setzte sich stark für eine Erneuerung des kaiserlichen Schulsystems und des öffentlichen Erziehungswesens ein.
Der 1. Weltkrieg und die daraus resultierenden politischen Spannungen ließen jedoch keine Erneuerung durch eine im Feindesland Italien begründete Pädagogik zu.

Nach den Kriegswirren, im Jahr 1919, gründete Clara Grunwald in Zusammenarbeit mit der Montessori-Pädagogin Elsa Ochs das Montessori-Komitee. Die Mitgliedschaft dieses Komitees war laut Satzung ausschließlich einem Fachkreis vorbehalten.
Im Jahre 1921 gründeten die beiden Frauen die „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Montessori-Methode in Deutschland e.V.“. Ziel dieser Gesellschaft war die Ansprache einer breiten Masse.
Schließlich schlossen sich beide Organisationen 1925 zur „Deutschen Montessori Gesellschaft“ zusammen. Die Leitung übernahm Clara Grunwald.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten die Montessori Methodik in Berlin zu etablieren, verschaffte ein Auftritt Maria Montessoris 1922 in Berlin ihren Ansichten weit über die Stadtgrenze hinaus Anerkennung. Es folgten die ersten Ausbildungskurse in Deutschland und die Eröffnung vieler Montessori-Kinderhäuser in ganz Deutschland, die Errichtung von privaten Montessori-Schulen sowie die Einführung von Montessori-Klassen in Berliner Volksschulen.

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